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Offener Brief an Sozialministerin Reimann

Gemeinsam mit anderen Unterzeichner*innen diakonischer Einrichtungen haben die Vorstände der Dachstiftung Diakonie, Dr. Jens Rannenberg und Hans-Peter Daub, einen Offenen Brief an Sozialministerin Carola Reimann versendet. 

Darin fordern sie unter anderem 

  • eine höhere Priorität bei der Versorgung von Pflegeheimen mit medizinischer Schutzausrüstung
  • die unmittelbare Aufhebung des Aufnahmestopps für Pflegeheime
  • die Aufhebung der Kontakteinschränkungen für Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen
  • die Wiederaufnahme der Arbeit in Einrichtungen für Tagespflege

Der komplette Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Ministerin Reimann,

viele erwarten, dass die Bundesregierung und die Landesregierungen in Deutschland ab dem 20.04.2020 den Lock down, den die Corona-Krise erzwungen hat, schrittweise aber entschieden lockern, um die tiefgreifenden und in der Konsequenz in vieler Hinsicht schädlichen Begleiterscheinungen dieser weitreichenden Maßnahmen zu mildern. Die Therapie darf nicht schlimmer sein als die Krankheit, der sie begegnet.

In diesem Zusammenhang wird aber immer öfter die Idee geäußert, dass die Rücknahme der Maßnahmen für viele Bereiche gelten könnte, wenn gleichzeitig besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen, darunter vor allem alte und hochbetagte Menschen weiterhin isoliert blieben. So ist davon die Rede, dass die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen für Senior*innen weiterhin gelten und insbesondere Pflegeeinrichtungen für Besucher*innen von außen geschlossen bleiben sollten. Die Grundüberlegung teilen wir: Eine Lockerung muss die Gefahren für gerade diese Menschen besonders im Blick haben. Aber die Konsequenz teilen wir nicht und fordern Sie darum dringend zu einem bewusst anderen Vorgehen auf. Denn für wenige ist Kontakt so überlebenswichtig wie für Senior*innen in der Situation der Pflegebedürftigkeit. Ihnen Kontaktmöglichkeiten zu verwehren, steht je länger je mehr in keinem Verhältnis zur Gefahr einer Erkrankung. Darum passen Sie bitte die Regelungen für Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, entsprechend an:

  • Geben Sie der Versorgung mit medizinischem Mundschutz und Schutzausrüstung von Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten und weiteren Unterstützungssystemen für diese Zielgruppe neben den Krankenhäusern die höchste Priorität. Auch im Blick auf die Durchführung von umfassenden Testreihen müssen Pflegeheime prioritär behandelt werden. 
  • Unter der Voraussetzung, dass Schutzmaterialien und Testungen gesichert sind: Heben Sie bitte den Aufnahmestopp für Pflegeheime unmittelbar auf. 
  • Heben Sie auch die weiteren Restriktionen auf, die die Kontaktmöglichkeit von pflegebedürftigen Menschen mit den wichtigsten Menschen, die zu ihrem Leben gehören, ausschließen oder nahezu unmöglich machen.
  • Ermöglichen Sie die stückweise Wiederaufnahme der Arbeit von Tagespflegen. Ein erster Schritt ist die Ermöglichung von Notbetreuungen.
  • Ersetzen Sie die strafbewährten Verordnungen durch Handlungsempfehlungen für Pflegeheime, Pflegedienste und unterstützende Systeme, die auf die Professionalität der Adressat*innen zählen und diese angemessen in Rechnung stellt. 

Denn Pflegeheime und Pflegekräfte können mit der Infektionsgefahr umgehen. Das ist ihr Alltag. Jede Mitarbeiter*in in der Pflege weiß, dass schon das Norovirus für Hochbetagte eine große Gefahr darstellt. Sie haben die erheblich größere Infektionsgefahr des Coronavirus verstanden und wissen, was getan werden kann und muss, um eine Ansteckung und die Ausbreitung auch in einem Pflegeheim zu verhindern. Gute Handlungsempfehlungen (Quarantäne, Aufspaltung der Teams, geschützte Zugänge etc.) werden angenommen und umgesetzt. Die Wertschätzung gegenüber Pflegekräften und Pflegeeinrichtungen drückt sich auch darin aus, dass die Professionalität der Pflegekräften gesehen und ihr vertraut wird. 

Niemand wird verhindern können, dass auch in Pflegesituationen Menschen infiziert werden, erkranken und möglicherweise auch sterben.  Aber das hat mit Leichtfertigkeit oder fehlenden Vorschriften nichts zu tun, sondern ist dieser Lebenssituation und dem unvermeidlichen Lebensrisiko geschuldet. Es ist auch keine Katastrophe, am Ende eines langen Lebens an einer Infektion zu sterben – unter der Voraussetzung guter palliativer Begleitung. So empfinden und äußern sich potenziell Betroffene selbst.

Allerdings ist es eine Katastrophe, in der Situation der Pflegebedürftigkeit, von den Menschen abgeschnitten zu werden, die zum eigenen Leben gehören. Oftmals sind die Kontaktmöglichkeiten und -personen ohnehin schon erheblich eingeschränkt. Die psychischen und damit auch physischen Auswirkungen der behördlichen Unterbindung der verbliebenen Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe, stehen in keinem Verhältnis zur verbleibenden Gefahr einer viralen Erkrankung. Und das Missverhältnis wird mit jedem Tag und jeder Woche noch größer.

Gute Handlungsempfehlungen, wie wir sie für unsere Einrichtungen in den letzten Wochen entwickelt haben, ermöglichen einerseits den individuellen Schutz der Bewohner*innen und lassen gleichzeitig einen geregelten, unterstützten Kontakt zu. Auch Angehörige haben in den letzten Wochen bewiesen, dass sie den Anweisungen folgen. Viele leiden sehr darunter, dass sie den ihnen verbundenen Menschen nicht die Zuwendung geben können, die sie geben wollen. Die weitgehenden Kontaktbeschränkungen nehmen diesen Beziehungen wertvolle Zeit, die nicht nachzuholen ist. Auch alle Angehörigen, die durch das Besuchsverbot sensibilisiert sind, werden bei einer Lockerung durch die Beachtung vorgegebener Schutzmaßnahmen aktiv dazu beitragen, dass das Virus sich nicht unkontrolliert verbreitet. 

Wir fordern Sie darum auf, den Runderlass des Gesundheitsministeriums zum Aufnahmestopp in Pflegeheimen vom 30.03.2020 ersatzlos zurückzunehmen und den Runderlass des Gesundheitsministeriums  mit Anordnungen zur Ausweitung der kontaktreduzierenden Maßnahmen vom 16.03.2020 entsprechend zu modifizieren. 

Mit freundlichen Grüßen

Gezeichnet:

Hans-Peter Daub und Dr. Jens Rannenberg
Dachstiftung Diakonie, Gifhorn

Unterstützt von:
Thomas Bader
Heiligen-Geist-Stift Pflege und Wohnen, Uelzen 

Marco Battmer
Diakonisches Werk Hannover, Bereich Pflege und Gesundheit

Rüdiger Becker
Evangelische Stiftung Neuerkerode

Dagmar Brusermann und Joachim von der Osten
Diakonische Altenhilfe Leine-Mittelweser, Wunstorf

Renate Geruschkat-Grundmann
Stephansstift Pflege und Seniorenwohnen, Hannover

Rüdiger Krafft
Diakonische Altenhilfe Kästorf, Gifhorn
Diakonische Gesellschaft Wohnen und Pflege Clus
Diakonisches Wohn- und Pflegezentrum Amalie Sieveking, Wolfenbüttel

Sven Schumacher und Daniel Jung
Christophorusstift, Hildesheim

[als PDF-Datei]

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